Beziehungen in Zeiten von „C“: Vom Home-Office zur Date-Night

Wie schaffen es Paare, vor allem diejenigen mit Kindern, trotz Home-Office, Home-Schooling und Lockdown ihre Liebe zu erhalten?
Eine Bestandsaufnahme. Und ein Lösungsvorschlag.

„Wooow, tolle Elfchen habt ihr geschrieben…“ hallt die Stimme der Lehrerin aus dem Lautsprecher des Ipads. Mein 8-jähriger Sohn schreibt Gedichte. Wow. Ich versuche auch was zu schreiben, schon seit ein paar Tagen. Doch ich kann mich einfach nicht darauf konzentrieren. Heute ist Deadline. Ich atme tief durch.

In 15 Minuten ist die erste Unterrichtseinheit schon wieder vorbei, dann will mein Sohn frühstücken. Ich habe noch 15 Minuten und merke wie ich nervös werde. Komm, er kann sich sein Frühstück selber machen, denke ich. Aber er wird mich unterbrechen. Und wenn er mich nur fragt, ob er sich Frühstück machen kann. Eigentlich lohnt es sich gar nicht mehr anzufangen mit meinem Text. 14 Minuten. Mein Herz schlägt schneller. Da fällt mir ein, ich muss später noch einkaufen. Was essen wir heute Mittag? Spaghetti? Wo ist der Einkaufszettel? Ach ja, a propos einkaufen, die Kleine braucht dringend eine neue Hose, ich muss gleich noch schauen, in welchem Online-Shop ich eine bestellen kann, ich habe doch gestern was im Internet gesehen. Ich öffne ein Fenster in meinem Browser. Nein, stopp, das mache ich jetzt nicht. Erst wenn der Text fertig ist.
Konzentrieren.
Jetzt.
Ich atme tief durch. Ich bin Sex-Coach, ich will darüber schreiben, wie Beziehungen den Lockdown überleben. Schwieriges Unterfangen, aber ich weiß, dass ich dazu was sagen kann. Ein zarter Gedanke beginnt sich zu entwickeln. Ich könnte beginnen mit ….In diesem Moment kommt mein Mann rein und sucht ein Dokument auf dem Schreibtisch. Er fängt an, über irgendwas Belangloses zu sprechen und fragt mich, ob ich weiß, wo sein Dokument ist. Ich balle meine Hand zu Faust. 13 Minuten. Vielleicht sollte ich mir doch erst einen Kaffee machen. Ich atme nochmal tief ein und aus. Er kann ja auch nichts dafür. Doch wenn ich nicht aufpasse, kriegt er die Wut ab, die sich in meinem Solarplexus zusammenbraut. Der Tag ist noch lang. Es ist 8.47 Uhr.

Eine Klientin hat mir letztens anvertraut, dass sie ihren Mann hasst, wenn er vormittags mit Jogginghose und Laptop auf den Oberschenkeln im Bett liegt und von dort aus seinen Job macht. Er sei so fett und unattraktiv geworden, sie frage sich, ob sie mit diesem Menschen weiter leben könne. Eine andere Klientin meinte, sie sei froh, wenn ihr Partner abends vor dem Fernseher einschlafe und auch den Rest der Nacht auf der Couch verbringe, damit sie wenigsten ein bisschen Zeit für sich selber habe. Eine dritte ertappt sich selber dabei, dass sie ihren Mann wegen Kleinigkeiten anschreit und ihn am liebsten verprügeln würde.

Wir sind am Anschlag. Viele Paare, vor allem die mit Kindern, fühlen sich am Ende ihrer Kräfte. Und ihrer Liebe. Unterdrückte weibliche Wut trifft Männer mit unerwarteter Wucht. Emotionen geraten außer Kontrolle. Das, was in Beziehungen vorher schon genervt hat, aber toleriert wurde, kann jetzt zum Scheidungsgrund werden.

Wie kommen wir aus dieser Nummer wieder raus? Nur, indem wir wieder zu dem zurückfinden, was uns als Liebespaar ausmacht: Zweisamkeit. Zeit füreinander. Sex.

Um sich wieder als Liebespaar fühlen zu können, müssen sich Paare ihr Privatleben zurückerobern. Wenn sie sich in ihrer Beziehung nur noch als Eltern, Bürogemeinschaft, Putzkolonne und Smartphone-Zombies erleben, stirbt jegliche Attraktion, und der Partner verkümmert zur Projektionsfläche für den eigenen Frust. Wer das Gefühl hat, nur noch zu funktionieren, hat keine Ressourcen mehr für Zuneigung übrig. Eine Beziehung braucht private Zeit und einen privaten Raum. Ohne äußere Einflüsse durch Computer, Fernseher und Handies. Und ohne Kinder. Ein wichtiger Schritt, um wieder Nähe und Verbundenheit herzustellen, sind Date-Nights, Verabredungen zu zweit. Wenigstens einmal im Monat, am besten einmal in der Woche, sollten Paare einen Abend für Zweisamkeit fest einplanen. Um Pfingsten herum öffnen an vielen Orten wieder Hotels und bieten eine perfekte Gelegenheit dazu. Eine Date-Night funktioniert aber auch zu Hause. Wichtig: Die Kinder übernachten bei Oma oder einem Freund oder zumindest konsequent in ihren eigenen Zimmern. Eine gelungene Date-Night braucht einen privaten Raum, der vorab schön hergerichtet wird. Das kann das Schlafzimmer, das Badezimmer mit Badewanne oder das Wohnzimmer mit abgedecktem Fernseher sein. An diesem Abend ist alles tabu, was sonst den Alltag bestimmt, auch Gespräche über die klassischen Alltagsthemen. Kinder, Job, Kollegen, Corona, alle bleiben draußen. Freilich kann es sein, dass dann wenig übrigbleibt und man zunächst ratlos nebeneinander auf dem Bett sitzt. Angenehme Musik und ein Glas Wein können den Einstieg erleichtern. Was immer hilft, ist Körperkontakt: Händchenhalten, sich gegenseitig eine Massage geben, kuscheln oder gemeinsam unter die Dusche gehen.  Eine Berührung sagt mehr als tausend Worte. Psychologische Studien zeigen: Paare, die sich körperlich nahe sind, regelmäßig umarmen, häufig kuscheln und Sex haben, fühlen mehr Zuneigung füreinander und denken positiver über den anderen. Eine Date-Night ist zugleich auch ein valider Beziehungstest: wenn am nächsten Morgen der Gedanke „das sollten wir wieder öfter machen“ auftaucht, ist das der beste Indikator dafür, dass noch Liebe vorhanden ist. Und vielleicht entsteht nach einiger Zeit sogar wieder das vertraute Wir-gegen-den-Rest-der-Welt-Gefühl und es tummeln sich ein paar Schmetterlinge im Bauch. Wenn Paare es schaffen, sich wieder als Liebepaar zu erleben, wird ihre Beziehung auch dem längsten Lockdown standhalten. Versprochen.