Diese Krise macht uns Eltern stark wie nichts zuvor in unserem Leben

Viele Eltern von kleinen Kindern machen aktuell die härteste Zeit ihres bisherigen Lebens durch. Kinder wollen zurück in die Schulen und Kitas und zu ihren Freuden, Eltern brauchen dringend Entlastung. Könnte das Alles auch etwas Positives haben? Ich sage: ja, auf jeden Fall! Denn durch Krisen werden Menschen stark und erkennen, was ihnen im Leben wirklich wichtig ist und worauf es ankommt. Aus Familien können jetzt starke Teams werden. Und wir haben die einmalige Chance, uns nach der Krise familien- und kinderfreundlicher aufzustellen.  Lasst uns JETZT damit beginnen.

Ich bin mittlerweile ziemlich radikal geworden. Wer mir blöd kommt, wird entfreundet. Ohne Kommentar und Diskussion. Der letzte war einer, der mir vorgeworfen hat, warum ich überhaupt Kinder bekommen hätte, wenn ich mich jetzt nicht um sie kümmern wolle. Und tschüss. Wer nicht selber Kinder unter 7 Jahren hat oder sie in den letzten paaren Jahren hatte, braucht nicht anmaßend über mich urteilen, dass ich die Verhältnismäßigkeit der aktuellen Maßnahmen vor allem für Kinder in Frage stelle. Ich habe ein Grundschul- und ein Kindergartenkind und ich bin selbständig, aktuell ist vieles für mich abgesagt, auf unbestimmte Zeit. Deshalb habe ich aber nicht weniger zu tun, sondern mehr. Denn ich muss Geld verdienen. Ich laufe momentan sehr häufig hinter meiner Leistungsgrenze. Meine Mutter hat immer gesagt, Kinder sind Vollzeitjobs. Das stimmt. Und entweder eine Person kümmert sich 24/7 um sie und macht dann nichts anderes mehr oder mehrere Personen teilen sich den Job. Was ich auch von meiner Mutter gelernt habe, ist möglichst aus allem das Beste zu machen. Also was ist jetzt das Beste? Könnte die aktuelle Situation irgendwas Gutes verbergen?

Ich persönlich habe einen großen Vorteil, den die meisten sicherlich nicht haben, und ich bin jeden Tag dankbar, dass ich vor kurzem trotz vieler Bedenken diese Entscheidung getroffen habe: ich lebe nicht mehr in einer Kleinfamilie. Und zwar seit genau zwei Wochen nicht mehr.  Ich lebe jetzt in einer WG in einem großen Haus mit Garten. Unsere 4-Zimmer-Etagenwohnung haben mein Mann und ich vor zwei Wochen verlassen und räumen gerade die letzten Sachen raus. Die neue Konstellation mit vier Erwachsenen hilft mir, Zeit zum Arbeiten zu haben, einmal in der Woche Webinare machen zu können, einige gute Kunden weiterbetreuen zu können sowie Artikel und Studien zur aktuellen Situation recherchieren und Kommentare wie diesen hier verfassen zu können. Wir sind ein Team, und das gibt allen Power! Mir geht es vergleichsweise gut. Ich kann auch mal durchschnaufen. Ich weiß, wie sehr andere Eltern kleiner Kinder in der aktuellen Situation bis zum Äußersten gefordert sind. Weil sie nur zu zweit oder sogar alleinerziehend sind.

Mütter fallen aktuell ganz automatisch in die jahrtausendealten Rollenmuster zurück und werden die Haupt-Trägerinnen der (unbezahlten) Care-Arbeit. Ich merke, wie ich, wenn ich nicht aufpasse, mich auch zur Hausfrau mache. Das Blöde ist: ich bin eine ziemlich schlechte Hausfrau. Ich kann Vorträge halten und Sex-Talks moderieren und kenne mich mit Business besser aus als mit Kinder-Kochrezepten. Vor ein paar Jahren habe ich eine Zeitlang deutlich mehr verdient als mein Mann. Ich kann damit leben, wenn es andersrum ist.  Doch das macht was mit einem. Geld zu verdienen stärkt das Selbstbewusstsein, gibt Kraft und macht mental stark. Das wissen Männer. Viele Frauen kennen dieses Geheimnis nicht oder vergessen es wieder, wenn sie Kinder haben. Das Leben da draußen geht langsam wieder los, aber irgendwie ohne mich. Vieles, womit ich bisher außer meinen Büchern Geld verdient habe, fällt mindestens bis zum Sommer weg oder verlangsamt sich zeitlupenartig (neue Aufträge? Wo denken Sie hin? Jetzt doch nicht …). Auch das Reisen, was mich immer sehr beflügelt hat, fällt weg. Berufstätige Eltern arbeiten aktuell nicht nur anders und oft mehr als sonst, sondern müssen sich gleichzeitig deutlich mehr um ihre Kinder kümmern. Und hier sitzt der Hase im Pfeffer, das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das uns mit Wucht präsentiert wird: Das Konzept der Kleinfamilie funktioniert in der Krise nicht. Die Mama-Papa-Kind-Konstellation als Familienkonzept und Norm unserer Gesellschaft ist in den 50er Jahren entstanden. Damals war es wahrscheinlich eine gute Idee: Der Mann verdient das Geld, die Frau kümmert sich zu Hause um Haushalt und Kinder, sinnvolle Arbeitsteilung. Schon länger bröckelt dieses Konzept, denn weder Frauen noch Männer wollen auf Dauer auf einen Lebensbereich festgelegt sein. Vor allem: Frauen wollen auch arbeiten und Geld verdienen! Das praktisch umzusetzen geht aber nur, wenn eine dritte Instanz sich um die Kinder kümmert, zum Beispiel die Kitas. Doch wenn die von heute auf morgen schließen und auch die Großeltern und befreundete Kita-Familien nicht mehr zur Betreuung zugelassen sind, bricht die fragile Kleinfamilienwelt zusammen.

Ich glaube tatsächlich, die Zeiten der Kleinfamilie sind zu Ende. Es war ein netter Versuch, der aber spätestens mit Corona scheitert. Kinder sind nicht dafür gemacht, nur von den Eltern großgezogen zu werden. Es gibt den Spruch: „Um ein Kind großzuziehen braucht es ein ganzes Dorf“. Das ist tatsächlich so, die Eltern alleine und vor allem nur die Mutter sind nicht die geeigneten Personen, das erleben wir hier in der westlichen Welt nun auf ganzer Linie. Es funktioniert genauso wenig, die Kinder einfach nur woanders „abzugeben“, das merken wir, wenn dieses „woanders“ von heute auf morgen geschlossen ist. Es steht eine große gesellschaftliche Transformation an, und wir merken auch erst jetzt, wie erschreckend wenig Stellenwert Kinder in der Politik haben. Unsere Kanzlerin sagt, es sei ethisch nicht vertretbar, die ältere Generation „wegzusperren“ – doch mit den Kleinsten wird genau das gemacht. Obwohl der Sinn der kindlichen Isolationshaft auf reinen Vermutungen beruht und die Politik selber zugibt, dass sie versäumt haben, sich bisher näher damit zu beschäftigen.

Wir Familien mit Kindern müssen uns die Frage stellen, wie wir in Zukunft leben wollen. Eine Freundin von mir sagt, sie wird ab Juni die Kita für ihre Kinder wieder kündigen. Sie ist auch selbständig und lebt zusammen mit einer anderen Familie im gleichen Haus, und die beiden Familien wechseln sich mit der Kinderbetreuung ab und kommen wunderbar klar. Sie sagt, es ist viel besser als vorher. Jetzt machen alle alles. Die Kleinen helfen mit im Haushalt, zumindest soweit es mit Zwei- bis Vierjährigen geht, und jeder Erwachsene darf mal fokussiert arbeiten und dann wieder mit den Kindern Spaß haben und lockerlassen. Wo vorher jeder sein Ding allein gemacht hat, ist jetzt mehr echte Verbindung und Unterstützung.  Auch solche Stimmen gibt es gerade. Vielleicht kommt die Zeit der Großfamilien zurück oder es wird mehr Wohngemeinschaften oder Mehrgenerationenprojekte geben, weil solche Lebenskonzepte einfach menschlicher sind.  Auch die Konzepte für Kitas sollten überdacht werden. Meine Kinder lieben ihre Kita, denn das ist für uns alle wie eine große Familie. Sie gehen da wahnsinnig gerne hin und wir Eltern engagieren uns regelmäßig dort. Doch ich weiß, dass das längst nicht überall so ist.

Ich habe in der letzten Zeit immer wieder Momente, in denen ich auf einmal ganz klar sehe und eine unerschöpfliche Zuversicht empfinde. Wir werden es schaffen und alles wird gut werden. Und danach, wenn dieser Spuk vorbei ist, werden wir Eltern zu den Stärksten gehören, denn wir haben eine riesengroße Krise überlebt. Eltern werden charakterlich und mental sehr aus der aktuellen Situation profitieren, davon bin ich überzeugt.  Menschen wachsen an schwierigen Situationen und sie entwickeln ungeahnte Kräfte. Was wir jetzt erleben und durchmachen, kann uns keiner mehr nehmen. Wir werden für den Rest unseres Lebens wissen, wozu wir fähig sind, wenn es drauf ankommt, und das ist viel mehr als wir uns selber jemals zugetraut haben. Wir sind seit einigen Wochen gezwungen, unser Ego und unsere Bedürfnisse komplett hintenanzustellen und wir merken: wir können das. Es ist nicht angenehm, keineswegs, aber es ist möglich. Wir werden zurückblicken und sagen: wir haben das geschafft.

Glück, innere Gelassenheit und mentale Stärke entstehen nachhaltig durch die eigene Bewältigung von großen Herausforderungen. Familien, die vorher mehr oder weniger nebeneinander zusammen gelebt haben, werden jetzt Teams, in denen jeder einen Beitrag leistet, auch die Kleinsten. Wir modernen Eltern lernen aktuell auch, einfach mal Fünfe gerade sein zu lassen.  Dann schauen die Kinder halt mal mehr als eine Stunde Peppa Pig oder Checker Tobi auf dem Ipad und essen mehrere Tage hintereinander Nudeln mit Tomatensoße, was sie sowieso am liebsten essen. Dann sieht die Wohnung eben chaotisch aus, was soll´s! Viel wichtiger ist doch aktuell der Zusammenhalt in der Familie. Und – auch die Kleinsten können lernen, dass es nicht nur um sie und ihre Bedürfnisse geht, und es wird ihnen für ihre Zukunft sehr viel bringen, wenn ihnen jemand das beibringt. Und was die Schule betrifft: ganz ehrlich, ich mache nicht alle diese Aufgaben mit meinem Sohn, punkt. Er lernt gerade so viel fürs Leben, wie er in seiner ganzen Schullaufbahn nicht mehr lernen wird. Er und seine kleine Schwester spielen viel zusammen momentan. Und sie können es, ohne sich zu streiten und ohne, dass sie mich als Entertainer brauchen. Ich glaube, nach Corona wird es keine Helikopter- und Tiger- und andere überambitionierten Eltern mehr geben, wir werden alle merken, dass es gar nicht notwendig ist, sich ständig mi den Kindern zu beschäftigen. Und es zeigt sich, worauf Kinder wirklich neugierig sind. Ich habe meinem Sohn gestern gezeigt, wie ich unser GmbH-Kassenbuch führe, weil ich unbedingt die Buchhaltung fertig machen musste und stelle fest, wow, er hat Interesse, nun selber seine gebastelten und gemalten Sachen zu verkaufen.

Doch das Allerwichtigste ist: wir Eltern dürfen bei dem ganzen Stress nicht vergessen, wir haben etwas unglaublich Wertvolles, das alle anderen nicht haben: wir sind umgeben von den positivsten Menschen, die die Erde derzeit zu bieten hat: von Kindern. Kinder, besonders die ganz Kleinen, geben uns unendlich viel Energie, wenn wir sie denn lassen. Klar, Kinder können fürchterliche Tyrannen sein, wenn wir ihnen keine Grenzen setzen. Aber sie urteilen nicht über uns, sie haben keine Meinungen, sie lieben uns bedingungslos, sie machen sich keine Sorgen und sie haben kein Interesse daran, uns zu ängstigen. Kinder leben komplett im Hier und Jetzt. Eltern können, wenn sie es schaffen, sich auf sie einzulassen, jeden Tag mit ihnen Spaß haben, staunen, toben, tanzen und vor allem lachen. Gemeinsam zu lachen tut so unendlich gut gerade jetzt! Wenn ich morgens aufwache und in halb verschlafene Kinderaugen schaue, und meine Kinder mir versichern, dass ich definitiv die allerbeste Mama auf der Welt bin, weiß ich, warum ich das alles tue. Kinder sind Liebe pur. Durch meine Kinder mache ich jeden Tag eine tiefe Erfahrung von Sinn. Kinder sind Zukunft, Kinder sind Leben. Kinder haben einen unendlich starken Willen und lassen sich nicht davon abbringen, wenn ihnen etwas wichtig ist. Das können wir von ihnen lernen. Und sie sind weise. „Gell Mama, die alten Menschen können an Corona sterben. Alte Leute haben eine schrubbelige Haut. Deine Eltern sind auch schon ganz schön alt“, hat mir meine 4-jährige Tochter mir neulich erklärt, und ich war fasziniert, wie sie so etwas komplett ohne Wertung sagen kann. Es ist, wie es ist.  Meine 82-jährige Mutter, die jeden Tag wandern und spazieren geht und schon viel in ihrem Leben erlebt hat, meinte am Telefon: „Alles geht vorbei, auch das hier, und ich freue mich, wenn wir uns dann wiedersehen.“ Das stimmt. Alles geht vorbei, und es wird eine Zeit nach Corona geben. Und ich bin mir zunehmend sicher, dass wir diejenigen sind, die den Kurs dann bestimmen. Denn wir sind durch die Krise stark geworden und wissen, worauf es ankommt. Wir sehen, wo es hängt und was die Gesellschaft braucht. Wir, unsere Kinder und Wahlfamilien – wir sind die Zukunft!