Nähe. Berührung. Ausgelassenheit. Extase. Future for Pleasure – wir wollen Sünde!

„Die offensichtlichste aller Krankheiten ist nirgendwo aufgeführt, obwohl fast alle Erwachsenen darunter leiden: chronischer Lebendigkeitsverlust. Ursache: jahrelange Anpassung an ein Leben, das Entfaltung, Spaß und Wachstum verhindert, das Talente, Wünsche und Vorlieben unterdrückt, und das versucht, brave konforme Gutmenschen zu erzeugen, die zwar funktionieren, aber irgendwann das Gefühl bekommen: »Das kann doch noch nicht alles sein!«.
Menschen, die über Jahre eine Maske nach der anderen aufsetzen, um überall gemocht zu werden. Menschen, die gar nicht mehr wissen, was sie eigentlich wirklich begehren, hinter aller Nettigkeit. Menschen, für die der Sex ungefähr genauso aufregend ist wie Duschen.“
Susanne Wendel „gesundgevögelt“ 2012

Anfang Januar 2021. Kontaktbeschränkungen, Lockdown, Ausgangssperren, Angst, anderen zu nahe zu kommen. In dieser Zeit ein Text zum Thema Berührung und Extase, ist das nicht ein wenig vermessen?
Nein, denn wir müssen uns mit den ur-menschlichen Bedürfnissen nach Nähe, nach Ausgelassenheit und nach Kontrollverlust auseinandersetzen. Auch jetzt. Gerade jetzt. Und ich wundere mich, dass niemand bisher darüber spricht, obwohl es so offensichtlich ist. Depressionen nehmen deutlich zu in unserer Gesellschaft, ebenso häusliche Gewalt und Burn-Out. Arbeiten ist erlaubt – alles, was Spaß macht, nicht. Das sind Kollateralschäden einer Politik, die weder den Menschen noch eine Gesellschaft ganzheitlich betrachten kann.

Eine Branche trifft es ganz besonders hart, und die hatte schon vorher nicht den besten Ruf, weil der Großteil der Gesellschaft immer noch sehr von Moral dominiert ist. Es ist auch keine richtige „Branche“, eher ein Feld verschiedener Anbieter, die sich den Bedürfnissen von Menschen nach sexuellem Selbstausdruck, nach Berührung, nach Wildheit und nach Dekadenz verschrieben haben: Swingerclubs, frivole Parties, Tantra-Massagen und -Workshops, sexpositive Locations, Rauf- und Kuschelgruppen, BDSM-Studios, Stundenhotels, Erotik-Kinos, Fetisch-Messen, erotische Weihnachtsmärkte   – um nur einige zu nennen.  In den letzten Jahren vor Corona gab es immer mehr Angebote in diesem Bereich und eine wachsende Nachfrage sowie wachsendes Interesse von „ganz normalen Leuten“. In den Jahren 2017 bis 2019 sind fast 20 Bücher zu den Themen „Berührung“ und „Glückshormone“ erschienen, die die Bedeutung von Körperkontakt, Bewegung und Schmetterlingen im Bauch („Excitement“) für unser Glück und Wohlbefinden thematisieren. Es gibt unzählige Studien zu diesem Themenfeld. Und jetzt soll das alles auf einmal nicht mehr wichtig sein? Ersatzlos und auf unbestimmte Zeit gestrichen, weil nicht systemrelevant?  Selbst darüber zu reden, ist tabu. Hallo, es ist schon gefährlich, einem anderen Menschen näher als anderthalb Meter zu kommen, da brauchen wir doch nicht über Swingerclubs zu sprechen… Doch, das müssen wir! Denn es geht auch darum, wie wir in Zukunft leben wollen. Manchen Moralaposteln in der Politik kommt Corona gerade recht, um endlich Zucht und Ordnung in der westlichen Welt einzuführen. Die aktuellen Diskussionen um das Verbot von käuflichem Sex sprechen Bände. Nicht wenige Anbieter aus dem sexpositiven Feld fallen aus allen Hilfen raus, weil sie weder ins Kultur- noch ins Gastronomie-Raster so richtig reinpassen.

Es geht mir nicht nur um Gangbang und Gruppenfesseln. Menschen, die im Stadion bei einem Fußballspiel laut rumbrüllen oder sich schwitzend in einer Disco in Trance tanzen, machen im Grunde genommen nichts anderes als Fetischpartybesucher: Sie lassen ihren animalischen Trieben in einem geschützten Raum freien Lauf. Das Glücks- und Aktivierungshormon Dopamin wird in großen Mengen ausgeschüttet und der Mensch spürt, wie pure Lebendigkeit durch den Körper pulsiert. Wer seine Aggressionen auf der Zuschauerbühne hinausbrüllt, braucht sie nicht an seiner Familie oder seinen Kollegen auszulassen. Wer sexuell be-friedigt ist, hat kein Interesse an Krieg. Und auch nicht daran, die Nachbarn zu denunzieren oder sonstwie andere Menschen zu kontrollieren. Wir Menschen brauchen ab und zu Kontrollverlust. Wir brauchen Räume und Gelegenheiten, wo wir unseren Kopf, unser krankhaft mahnendes Gewissen, unseren ständigen inneren Kontrollzwang, loslassen können. Wen wir die nicht haben, wird sich unsere tierische Natur einen anderen Weg bahnen. Und dann gibt es Opfer: Kinder, Partner, wir selbst, unsere Seele.  Warum redet niemand darüber? Warum tun alle so, als wäre das, was gerade da draußen passiert, alternativlos, und der Schutz vor einem einzelnen Virus das einzig Wichtige? „Menschlich“ ist nur, was den ganzen Menschen berücksichtigt.
Vor 8 Jahren habe ich das Buch „gesundgevögelt“ geschrieben. Es handelt von sexueller Befreiung, von Orgien, von der Zerstörung rigider Sexualmoral und von Freiheit. Und es handelt von Gesundheit, denn wer sein wahres Selbst von moralischen Zwängen befreit, dessen Seele erblüht. Wir sind nicht nur unser Körper und unser Verstand, wir sind viel mehr. Doch genau das scheinen  Politiker nicht zu wissen oder sie ignorieren es absichtlich. Denn sonst würden sie wenigstens anerkennen, dass uns allen gerade krass viel fehlt.

Wie ist das mit DIR? Was fehlt dir am meisten in der aktuellen Situation? Schreib mir gerne eine Mail dazu oder komm am Dienstag Abend um 20.00 Uhr in mein Web-Seminar „Future for Pleasure – wir wollen Sünde!“.Ich habe im letzten Herbst im Rahmen meines Studiums der Sexualwissenschaft eine große Umfrage gestartet unter Menschen, die frivole Clubs, Parties usw. besucht haben und wollte wissen, wie sehr sie sich durch die aktuelle Situation beeinträchtigt fühlen und was ihnen am meisten fehlt.  Und ich war erschrocken, dass mehr als ein Drittel der ca. 1300 Befragten sich aktuell bereits unwohl fühlt, wenn sie anderen Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln nahekommen. 12 Prozent finden schon den Gedanken an Partygedränge unangenehm. Mehr als die Hälfte sind sich einig, dass die Abstandsregeln und Kontaktbeschränkungen auch zu sozialer Distanzierung geführt haben, obwohl ja genau das eigentlich vermieden werden sollte (Stichwort „Solidarität“). Es ist aber leider tatsächlich so, dass sich Menschen innerlich voneinander distanzieren, wenn sie keinen körperlichen Kontakt mehr miteinander haben. Das hat unter anderem mit dem Bindungshormon Oxytocin zu tun, welches Vertrauen erzeugt und beim Anfassen, Händchenhalten, Kuscheln und vor allem beim Orgasmus in unserem Gehirn ausgeschüttet wird.
Den Menschen, die sich vorher sexuell frei bewegt haben, fehlt die vor allem Freiheit, die Spontanität, die Unbeschwertheit, das Prickeln, das Spielerische, die Fröhlichkeit und der ungezwungene Kontakt zu Gleichgesinnten, die Community. Mit den Nachbarn zu Hause und zwei Meter Abstand kann man eben nicht über die eigenen sexuellen Vorlieben reden. Den Menschen fehlt aber auch die Spannung, die sie vor einem Clubbesuch erleben, das zurecht machen, das Kribbeln im Bauch. Und natürlich der körperliche Kontakt mit anderen Menschen.
Etwa 20 Prozent der Umfrageteilnehmer haben Online-Angebote der Anbieter genutzt oder würden sie nutzen sofern es welche gibt. Knappe 40 Prozent sagen aber, dass ihnen das nichts bringt, denn es kommt eben auf andere Dinge an wie Tanzen, Nähe, sexuelle Kontakte. Doch was können Anbieter stattdessen machen? Dazu gibt es Vorschläge und Ideen der Studienteilnehmer. Die sexuelle Zufriedenheit der Befragten ist seit Beginn der Krise gesunken. So haben 58% dieser Gruppe angegeben, dass sie vor der Krise sexuell sehr zufrieden oder zufrieden waren, mittlerweile treffen diese Aussage nur noch 31%. Und sehr interessant: 20% der Teilnehmer würde sofort wieder aktiv werden, sollten die Clubs & Co spontan öffen.
Den Link zur Umfrage findest du hier, gerne kannst du noch mitmachen! Die ausführliche Auswertung der Umfrage starte ich Ende Januar, es ist aber jetzt bereits ersichtlich, dass ein dringender Handlungsbedarf  für Aufklärung über dieses Feld besteht und die Anbieter Unterstützung brauchen. Auch hier muss es endlich eine Risiko-Abwägung und einen Blick auf die Verhältnismäßigkeit von Berufsverbots-Maßnahmen geben!  Wir dürfen dieses Thema nicht totschweigen, denn dann berauben wir uns selbst unserer Lebendigkeit.
Zum Abschluss ein Projekt, das ich persönlich unterstütze, ein ganz neuer Club in Hannover, der im letzten Oktober erst eröffnet hat. Ich habe mit der Betreiberin zusammen eine Crowdfunding-Aktion entwickelt, die ich hier gerne teile, schaut mal rein!

Auf ein Jahr mit mehr Berührung, mehr Nähe und mehr Extase!
Alles Liebe Susanne

P.S. Wer Interesse an einem Coaching bei mir hat, meldet euch für ein kostenloses Kennenlern-Gespräch unter https://calendly.com/susanne-wendel/discovery-call

Foto by SubRosaDictum, „Der geheime Garten“, August 2018 www.subrosadictum.de