Über das Sterben. Und den Zauber des Neuanfangs

Liebe Freunde,

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Mit diesen Zeilen aus Hermann Hesses „Stufen“ möchte ich den heutigen Newsletter beginnen.
2021 hat für mich schwierig angefangen, und ich möchte mich entschuldigen, dass ich so lange nichts von mir habe hören lassen. Ich hatte keine Inspiration, etwas zu veröffentlichen, und wenn, dann nur einzelne Gedanken, die ich aber nicht in einen Zusammenhang bringen konnte. Zum ersten Mal in meinem 48jährigen Leben ist ein Mensch, der mir sehr nahe stand, gestorben. Mein Vater. Er war 83 Jahre alt, es war abzusehen dass er bald gehen würde. Dennoch hat es mich überrascht und getroffen. Ich habe ihn eine Woche vorher noch gesehen – trotz Kontaktsperren natürlich – worüber ich jetzt sehr dankbar bin. Er ist morgens auf seiner Couch eingeschlafen und das wars. Ein schöner Tod, meinte die Bestatterin, aber für die Angehörigen sei das schwierig, weil man sich nicht darauf einstellen könne. Ich habe in den ersten Tagen danach häufig gedacht: ich hätte ihn letzte Woche fragen können, welche Wünsche er an uns hat wenn er geht, ob er ein Testament geschrieben hat oder was ihm im Fall der Fälle wichtig wäre. Es wäre ganz einfach gewesen ihn zu fragen. Doch ich habe es nicht getan. Ich hatte mir zwar gedacht: au weia, ob er dieses Jahr noch überlebt? Dennoch bin ich nicht auf die Idee gekommen, meine Fragen in diesem Moment auszusprechen. Man denkt immer, es ist noch Zeit. Man denkt immer, schwierige Themen besprechen wir ein anderes Mal, muss ja nicht jetzt sein. Doch das ist dumm, denn vielleicht ist es dann zu spät.  Der Tod hat eine krasse Endgültigkeit, die mir so nicht klar war. Ich hatte in den ersten Wochen nach seinem Tod sehr oft den Impuls, ihn einfach anzurufen und mit ihm über sein Leben und seine Gedanken zu sprechen. Vieles hätte mich interessiert. Ich hätte noch mehr über ihn wissen wollen. Und dann fällt mir ein: ach nein, das geht nicht mehr. Nie mehr – zumindest nicht mehr in diesem Leben.

Ich habe eine wunderschöne Beerdigung organisiert, und das war in der aktuellen düsteren Zeit irgendwie ein richtiges Highlight. Ich habe für die 25 Trauergäste eine sehr bewegende Grabrede gehalten, die ihm gefallen hätte, und ich bin besonders stolz, dass ich allen zwischendurch mit lustigen Anekdoten aus seinem Leben ein Lächeln auf die Lippen zaubern konnte. Mein Vater war ein Entertainer, ein ganz großer Sänger und Schauspieler, der sich aber für den sicheren Beruf des Lehrers, noch dazu für Englisch und Latein, entschieden hat. Die Frage, ob es richtig war, die Selbstverwirklichung als Opernsänger für die Sicherheit des Beamtentums aufzugeben, hat ihn sein ganzes Leben lang gequält.  Doch es gab sicherlich weltweit keinen anderen Lateinlehrer, der im Unterricht Opernarien gesungen hat. Und mit der Theater-AG an der Schule, die er viele Jahre lang geleitet hat, konnte er vielen Schülern die Schauspielkunst nahe bringen. Mein Vater war ein Mensch zum Anfassen, jemand, der mitten im Getümmel am meisten aufblühte.

Es wird so viel über den Tod gesprochen seit letztem Jahr, aber irgendwie auf eine völlig verdrehte Weise. Mein Vater hätte womöglich noch einige gute Jahre haben können, aber dass er seine Freunde nicht mehr treffen konnte, dass er keine Gesangsauftritte mehr haben durfte, damit ist er nicht klar gekommen. Ich frage mich oft: wovor wollen wir die alten Menschen schützen, wenn wir ihnen alles nehmen, was ihnen etwas bedeutet? Auch wenn es nach einer Plattitüde klingt, mir ist sehr deutlich geworden, dass wir uns mit dem Tod beschäftigen müssen, wenn wir über ein lebenswertes Leben sprechen wollen.

Fast zeitgleich mit dem Ableben meines Vaters hat mein Körper bei mir die Wechseljahre eingeläutet. Mein Hormonstatus hat sich gefühlt von einem auf den anderen Tag verändert und ist mir massiv aufs Gemüt geschlagen. Auch so ein Thema, über das niemand ehrlich spricht, obwohl es das Natürlichste der Welt ist. Doch wie der Tod entzieht sich das Altern dem manischen Kontrollzwang der heutigen Menschen, es passiert einfach und zeigt uns, dass wir bei all unserer Schlauheit und Technik doch biologische Wesen sind. Wir können nicht alles kontrollieren, und das ist auch gut so. Wir dürfen bei allem Fortschritt nicht vergessen, was Mensch sein bedeutet. Immerhin, ich habe die besten Experten meinem Netzwerk, auch zum Thema Hormone und Wechseljahre, und fühle mich mittlerweile wieder deutlich besser (Falls jemand Interesse an dem Kontakt hat, schreib mir gerne).
Ich überarbeite gerade meine Homepage und starte verschiedene neue Projekte, auf die ich mich sehr freue und über die ich dann Stück für Stück in den nächsten Newslettern berichten werde. Ich spüre ein starkes Gefühl des Neuanfangs, ja, diesen magischen, von Hesse beschriebenen Zauber, in mir. Lassen wir uns überraschen was dabei herauskommt. Ich freue ich mich wie immer auf Begegnungen jeder Art, schriftlich, telefonisch, online oder live. Ach ja, wer auf Clubhouse ist, meldet euch! Freitags Abends gibt’s jetzt immer einen „gesundgevögelt“ Talk. Stay tuned 😊.

Ich schließe mit dem Lied „Die Uhr“. Dieses hat mein Vater sehr oft und zu allen möglichen Anlässen gesungen, und ich bin sehr glücklich, dass meine geschätzte Geschäftspartnerin und Freundin Irene Xander mir dieses wunderschöne Lied für ihn aufgenommen und produziert hat.
Ich wünsche euch alles Liebe, bis bald und ein schönes Wochenende
Alles Liebe
Susanne

Audio: DIE UHR MASTERED BY IRENE XANDER

Die Uhr
Ich trage, wo ich gehe,
Stets eine Uhr bei mir;
Wie viel es geschlagen habe,
Genau seh ich an ihr.
Es ist ein großer Meister,
Der künstlich ihr Werk gefügt,
Wenngleich ihr Gang nicht immer
Dem törichten Wunsche genügt.
Ich wollte, sie wäre rascher
Gegangen an manchem Tag;
Ich wollte, sie hätte manchmal
Verzögert den raschen Schlag.
In meinen Leiden und Freuden,
In Sturm und in der Ruh,
Was immer geschah im Leben,
Sie pochte den Takt dazu.
Sie schlug am Sarge des Vaters,
Sie schlug an des Freundes Bahr,
Sie schlug am Morgen der Liebe,
Sie schlug am Traualtar.
Sie schlug an der Wiege des Kindes,
Sie schlägt, will’s Gott, noch oft,
Wenn bessere Tage kommen,
Wie meine Seele es hofft.
Und ward sie auch einmal träger,
Und drohte zu stocken ihr Lauf,
So zog der Meister immer
Großmütig sie wieder auf.
Doch stände sie einmal stille,
Dann wär’s um sie geschehn,
Kein andrer, als der sie fügte,
Bringt die Zerstörte zum Gehn.
Dann müsst ich zum Meister wandern,
Der wohnt am Ende wohl weit,
Wohl draußen, jenseits der Erde,
Wohl dort in der Ewigkeit!
Dann gäb ich sie ihm zurücke
Mit dankbar kindlichem Flehn:
Sieh, Herr, ich hab nichts verdorben,
Sie blieb von selber stehn.